Regeln einhalten – Sicherheit gewinnen

Unfallverhütung durch Maßnahmen zum Geschwindigkeitsmanagement

Die Fahrgeschwindigkeit von motorgetriebenen Fahrzeugen hat einen entscheidenden Einfluss auf die Verkehrssicherheit. Einerseits verkürzen hohe Geschwindigkeiten die Zeit, um auf Verkehrssituationen reagieren zu können, und erhöhen dadurch die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einem Unfall kommt. Andererseits beeinflusst die Geschwindigkeit auch die Schwere eines alltäglichen Unfalls entscheidend. Gerade bei den schwächeren Verkehrsteilnehmern (Fußgänger, Rad- und Motorradfahrer) hängt die Überlebenswahrscheinlichkeit sehr stark von der Aufprallgeschwindigkeit ab.

Nicht angepasste Geschwindigkeit ist die Hauptursache tödlicher Verkehrsunfälle.

Eine nicht „nicht angepasste Geschwindigkeit1“ ist nicht nur die häufigste Unfallursache, sondern hat auch die schlimmsten Unfallfolgen. In 2010 ergaben sich je 1.000 Unfälle mit Personenschäden doppelt so viel Tote und 50% mehr Schwerverletzte als bei Unfällen mit anderen Ursachen. Damit kamen im Jahr 2010 in Deutschland zwei von fünf im Straßenverkehr getöteten durch „zu schnelles Fahren“ ums Leben.

Sind nur an Unfallschwerpunkten Geschwindigkeitskontrollen gerechtfertigt?

Das Argument führt in die Irre, da die große Mehrheit der Unfälle sich nicht an diesen Unfallhäufungsstellen resp. -abschnitten ereignet.
Mehr Sicherheit auf unseren Straßen kann nur durch eine generell angepasste Fahrweise erreicht werden. Beispielsweise ist bei Abschnittsgeschwindigkeitskontrollen die unfallverhütende Wirksamkeit inzwischen belegt; zudem wird sie von den Autofahrern selbst als fair empfunden.

Präventionsmaßnahmen müssen sich natürlich an die Hochrisikogruppe der Raser richten. Übersehen wird allerdings oft, dass auf die Gesamtzahl der Unfälle gesehen, diese nur einen kleinen Teil der Unfallverursacher ausmachen. Für breit greifende Unfallprävention und damit eine nachhaltige Reduzierung der Verletzten und Getöteten muss man präventive Maßnahmen vor allem an die breite Masse der Geschwindigkeitssünder richten. Eine heterogene Gruppe, die sich keinesfalls als Raser und oft nicht einmal als Schnellfahrer sieht. Hier setzt z.B. in der Schweiz die aktuelle bfu-Kampagne „Slow down. Take it easy“ an, die allen Verkehrsteilnehmern empfiehlt, die Geschwindigkeit den jeweiligen Straßen- und Sichtverhältnissen anzupassen.

Zentral für das Geschwindigkeitsverhalten der Fahrer ist – nebst selbsterklärenden und fehlertoleranten Straßen – die subjektive Kontrollerwartung bezüglich polizeilicher Überwachung. Wichtig ist dabei ein guter Mix aus stationären, unbemannten sowie bemannten Mess-Systemen, wobei letztere klar erkennbar sein sollen. Nachholbedarf besteht heute vor allem auf Landstraßen, wo mit 30 Getöteten je 1.000 Unfälle mit Personenschaden das Risiko getötet zu werden etwa fünfmal höher ist als auf Innerortsstraßen, aber nur ein Bruchteil der Kontrollen stattfinden.2

Müssen nur die Raser öfter kontrolliert werden?

Ein Thema, das im Zusammenhang mit den Geschwindigkeitsdelikten immer wieder auftaucht, sind die sogenannten Raser. Diese Diskussion widerspiegelt ein generelles Problem der Prävention, dass es zwar Hochrisikogruppen gibt (beispielsweise Raser), diese aber zumeist sehr klein und deshalb nur für einen eher geringen Teil des Problems verantwortlich sind.

Gruppen hingegen, die nur leicht auffällig sind (= etwas zu schnell fahren), sind viel grösser und demzufolge auch viel öfter ein Teil des Problems (= Unfälle mit überhöhter Geschwindigkeit). Dies bedeutet, dass wirksame Interventionen sowohl auf Raser als auch auf die breite Masse ausgerichtet sein müssen.

Wohlfühlort Automobil

Würden Sie Ihr Kind aus dem dritten oder vierten Stockwerk werfen? Selbst wenn es in einem Sitz angeschnallt und mit einem Airbag versehen wäre? Sicher nicht. Das Auto vermittelt ein trügerisches Gefühl der Sicherheit. Man fühlt sich wohl. Die Kälte, die draußen für den Eisbelag auf der Straße sorgt, wird nicht empfunden, man spürt die Nässe nicht, die den Bremsweg um 25 % verlängert. Fliehkräfte werden durch moderne Sitzformen minimiert.
So soll das auch sein, das Auto ist ein Ort, in dem man sich wohl fühlt; es ist zu jeder Jahreszeit gut temperiert, man sitzt bei der Lieblingsmusik bequem – fast wie im Wohnzimmer. Die Empfindungen für das „draußen“ sind ausgeschaltet. Deshalb brauchen wird andere Mechanismen, die uns vor unangepasster Geschwindigkeit schützen:

WIR KÖNNEN (UND MÜSSEN) UNSER GEHIRN EINSCHALTEN.

Wieso halten sich einige Fahrzeuglenker besser an die Regeln als andere?

Eine englische Forschergruppe hat festgestellt, dass Geschwindigkeitsübertreter häufig die folgenden Merkmale aufweisen: Sie äußern positive Einstellungen gegenüber sportlicher und riskanter Fahrweise; sie sind überzeugt, dass man durch die Umstände zum schnellen Fahren gedrängt wird, und sie sind der Ansicht, dass Geschwindigkeitsübertretungen gemeinhin akzeptiert sind.
Die Extremgruppe der notorischen Raser hat darüber hinaus eine äußerst geringe Bereitschaft, Normen zu akzeptieren, und ihre Fahrweise ist durch das Selbstbild als sportlicher, überlegener Typ geprägt.

Rasen, Straßenrennen oder gefährliches Überholen kann bei ihnen nicht allein durch Freude am Risiko oder kurzfristige Verkehrs- oder Lebensumstände erklärt werden. Ihre Identität und ihr Selbstvertrauen sind eng mit dem riskanten Fahren verbunden. In dieser Situation spielen rationale Risikoabwägungen eine untergeordnete Rolle, das Verhalten erhält eine eigene Dynamik. Während normale Geschwindigkeitsübertreter das Risiko unterschätzen, zieht ein Teil der notorischen Raser dieses gar nicht in Betracht, andere sehen gerade im Erleben von Grenzerfahrungen den Anreiz. In jedem Fall ist ihr Verhalten aber emotional bestimmt.

1 Quelle: „Fehlverhalten der Fahrzeugführer bei Unfällen mit Personenschaden im Straßenverkehr 2010“ Statistisches Bundesamt 2011-15-0442
2 Quelle: Statistisches Bundesamt, Pressekonferenz 06.07.2011 „Unfallgeschehen nach Ortslagen“ und Presseerklärung bfu vom 09.10.2012: “Fahrgeschwindigkeit hat entscheidenden Einfluss auf Verkehrssicherheit”
3 ETSC-Lecture 2008 Referat Dr. Huguenin
4 Nilsson, G. (2004). Traffic safety dimensions and the Power Model to describe the effect of speed on safety (Bulletin 221). Lund: Lund Institute of Technology, Department of Technology and Soci-ety, Traffic Engineering.
5 Peden M, Scurfield R, Sleet D et al. World report on road traffic injury prevention. Geneva: World
Health Organization; 2004.
6 Deutscher Verkehrssicherheitsrat DVR. (2007). How safe is the Autobahn, really? Comments from DVR (Speed Fact Sheet 1). Bonn: Dr. Huguenin.
7 European Transport Safety Council ETSC. (2007). How safe is the autobahn, really? (Speed Fact Sheet 1). Brussels: Dr. Huguenin.
8 Ewert, U. (2008). Geschwindigkeit (Factsheet). Bern: bfu – Beratungsstelle für Unfallverhütung.
9 Tingvall, C. (2004). Vision Zero: Das Konzept. In Vision Zero in Deutschland? Expertengespräch vom 1. Juli 2004. München: Swiss Re, Centre for Global Dialogue.
10 vgl. ETSC, 2008 European Transport Safety Council ETSC. (2008). Managing speed: Towards safe and sustainable road transport. Brussels: Dr. Huguenin.
11 Elvik R, Christensen P, Amundsen A. Speed and road accidents. Oslo: TOI; 2004. Report 740.
12 Elvik R, Vaa T. The Handbook of Road Safety Measures. Amsterdam: Elsevier; 2004
13 Goldenbeld et al., 2007 Goldenbeld, C. & van Schagen, I. (2007). The credibility of speed limits on 80 km/h rural roads: The effects of road and person(ality) characteristics. Accident Analysis and Prevention 39, 1121-1130.